Zwei Schülerinnen aus der 12a schildern ihre Eindrücke
Am Freitag, dem 25.04.2025 durften wir an unserer Schule Henriette Kretz, Überlebende des Holocausts und engagierte Zeitzeugin empfangen. Sie erzählte uns von ihrer Kindheit in den dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichte, von unvorstellbarem Leid, aber auch von Hoffnung, Mut und Überlebenswillen. Die Veranstaltung fand in der Aula statt und richtete sich an die Jahrgangsstufen 12. Das Ziel war, nicht nur historische Fakten zu vermitteln, sondern ein lebendiges Bild der Vergangenheit zu zeichnen. Uns wurde dabei deutlich: Geschichte besteht nicht nur Zahlen und Daten – sie besteht aus menschlichen Schicksalen. Henriette Kretz kam aus Antwerpen (Belgien) zu uns, um zu erinnern und um uns zu mahnen, dass solche Verbrechen nie wieder geschehen dürfen.
Henriette Kretz begann ihren Vortrag ruhig, fast sanft, und doch spürte man sofort die Tiefe und Schwere ihrer Erlebnisse. Die heute 88-Jährige nahm uns mit in ihre Kindheit, in ein Polen, das einst Heimat und Geborgenheit bedeutete. Ihre Erzählungen führten uns an Orte, deren Namen wir bisher nur aus Geschichtsbüchern kannten: Stanisławów, Lemberg (heute Lwiw) und Sambor. Als der Zweite Weltkrieg begann und Deutschland Polen überfiel, veränderte sich ihr Leben schlagartig. Von einem glücklichen Kind, das bisher in einer liebevollen jüdischen Familie aufgewachsen war, wurde sie zum Opfer von Verfolgung und Terror. Mit kindlichen Augen musste sie 1941 erleben, wie ihre Familie ins Ghetto gezwungen wurde, das in Sambor eingerichtet worden war. Dort wurden Angst und Tod allgegenwärtig.
Besonders nahe ging uns der Moment, als sie schilderte, wie ihre Eltern direkt vor ihren Augen auf der Straße erschossen wurden. Es war still in der Aula – jedes Wort, jede Pause von Henriette Kretz war voller Bedeutung. Sie erzählte uns, dass sie nur überlebte, weil sie davonlief und sich in einem katholischen Waisenhaus versteckte, beschützt von mutigen Nonnen, die dafür ihr eigenes Leben riskierten.
Nach dem Krieg fand sie sich in einer Welt wieder, die keine Heimat mehr für sie war. Sie musste neu anfangen, sich selbst und das Leben wieder zusammensetzen. In Belgien studierte sie später Kunstgeschichte, wurde Lehrerin für Französisch und Kunst, lebte viele Jahre in Israel und baute sich eine Familie auf.
Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Während der gesamten Veranstaltung in unserer Aula zog Henriette Kretz Verbindungen zu unserer heutigen Zeit. Immer wieder betonte sie, wie wichtig es ist, wachsam zu sein, niemals Hass oder Ungerechtigkeit einfach hinzunehmen.
Was uns vielleicht am tiefsten bewegt hat, war nicht nur, was Henriette Kretz erzählte, sondern wie sie es tat: Mit einer unglaublichen Würde, mit einer Ruhe, die keine Bitterkeit zeigte, sondern nur tiefe Menschlichkeit. Trotz allem, was ihr angetan wurde, strahlte sie Wärme und Hoffnung aus. Die Hoffnung auf ein morgen half ihr auch als Kind auf der Flucht vor dem Nazi-Terror zu überleben.
Henriette Kretz hat uns klargemacht, dass Zeitzeugen Brücken zwischen der Vergangenheit und unserer Gegenwart sind. Sie erzählen nicht nur – sie vertrauen uns ihre Erfahrungen an, mit der Hoffnung, dass wir daraus lernen. Frieden und Freiheit sind keine Selbstverständlichkeit, sondern müssen täglich neu verteidigt werden müssen. Henriette Kretz hat uns nicht nur ihre Geschichte erzählt. Sie hat uns auch gezeigt, wie wichtig es ist, aufmerksam zu bleiben für alle Formen der Ausgrenzung von Menschen, Mut zu haben sich dem entgegenzustellen. Wir sind ihr sehr dankbar, dass sie mit uns gesprochen hat und im Anschluss an ihren Vortrag auch unsere Fragen beantwortet hat. Wir werden diese Begegnung nicht vergessen – sie bleibt uns als Erinnerung und als Auftrag.
Text: Atena und Valentina
Foto: Tina Wieczorek/Erich Kästner Schule
-> Ein Hinweis: Frau Kretz hat ihre Lebensgeschichte als Buch veröffentlicht. Es kann hier kostenfrei abgerufen werden.

